Ausstellung „Ecce Homo“ in St. Marien

05.02.2026 |

Gaggenau. (melu) – Mit der Ausstellung „Ecce Hommo“ von Hilke Tureé beteiligt sich das Ge­meindeteam St. Marien in diesem Jahr am diözesanweiten „Ascher­mittwoch der Künstler“. Nach dem Gottesdienst am Mittwoch, 18. Februar, zum Auf­takt der 40-tägigen Fastenzeit vor Ostern um 18.30 Uhr in der Kirche St. Marien schließt sich um 19.30 Uhr die Vernissage an. Prof. Dr. Chris Gerbing wird dabei das Werk der in Baden-Baden lebenden Künstlerin würdigen. Die Aus­stellung mit Skulpturen aus unterschiedlichen Materialen ist dann bis zum 19. April in dem Gaggenauer Gotteshaus zu sehen.
 
Beim „Aschermittwoch der Künstler“ tritt die Kirche in den Dialog mit Kulturschaffenden unterschiedlicher Bereiche. In der Erzdiözese Freiburg ist dieser Austausch seit 2005 etabliert. Er geht zurück auf eine von dem katholischen Schriftsteller und Diplomaten Paul Claudel nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris begründete Veranstaltung der römisch-katholischen Kirche, der Künstler und ihrer Seel­sorger. Sie findet seither regelmäßig zu Beginn der Fastenzeit statt. „Kunst kann theologische Fragen neu und akzentuiert auf­greifen“ und dadurch die Kirche „zum Nachdenken über ihre eigenen Glaubenswurzeln“ anregen, so der Freiburger Erzbischof Stephan Burger.
 
Der Titel der in St. Marien zu sehenden Aus­stellung „Ecce Homo“ – „Seht, der Mensch“ – entstammt dem Johannesevangelium (Joh 19,5) und markiert einen Kulminationspunkt christlicher Bildtradition. Die Szene, in der Pontius Pilatus den gegeißelten Christus der Menge vorführt, wurde seit dem Mittelalter zu einem zentralen Motiv sakraler Kunst. Sie verbindet die Themen des Leidens, der Entwürdigung und der göttlichen Erhöhung. In der Moderne verliert diese Dar­stellung jedoch ihre ausschließlich religiöse Bedeutung und wird zum Symbol für die existenzielle, gesellschaftliche und politische Krise des Menschen.
 
Künstler wie Otto Dix, Andres Serrano und Gottfried Helnwein haben das Motiv aufgegriffen, um den Menschen in seiner Verletzlichkeit, Fragilität und Entfremdung zu zeigen. In der Skulptur findet dieses Thema eine verstärkte physische Verdichtung.
 
Die Bildhauerin Hilke Turré formt seit mehr als 50 Jahren Menschenbilder. Es sind Figuren aus Metall, meist Eisen, Stoff, Sackleinen, Ton, Knochenleim und Zement. Sperrige Materialien, von denen sie sich leiten und denen sie Raum lässt. Fast archaisch ist die Bildsprache, auf die sie dafür zurückgreift. Tatsächliche menschliche Züge deutet sie nur an, Umrisse, Gesten und Bewegungen sind dem Widerstand des Materials geschuldet. Wie menschliche Körper scheinen sie gezeichnet von dem, was sie durch­gemacht haben. Manche wirken fragil und zer­brechlich, andere als wären sie noch nicht fertig. Sie alle zeigen Spuren des Prozesses.
 
Gerade Unebenheiten und Spannungen sind authentische Elemente der Existenz. Der Eindruck von vergehendem Leben und Verfall, vielleicht sogar Gewalt steht dem der Neuentstehung und einer großen Ursprünglichkeit gegenüber. Im Detail wie im Ganzen sind in all diesen Arbeiten Zustände und Metamorphosen auszumachen, die vom Kern des Daseins erzählen. Doch da sind längst nicht nur Risse, Narben und Schründe, sondern auch zarte und weiche Gesten. Im Zusammenspiel mit dem modernen Muttergottesbild entsteht hier ein neues Spannungsfeld zwischen Leiden und Mit­leiden, Schuld und Fürsorge, Profanität und Sakralität.
 
Hilke Turré hat sich mit ihrer Kunst ein eigenes Universum geschaffen, das weit ab jeder Kom­promiss­haftigkeit und Anbiederung all die Er­fahrung ihres Schaffens in einer vollendeten Form zum Ausdruck bringt. Der alte Satz „Seht, der Mensch“ bleibt eine Mahnung – nicht zum
Glauben, sondern zum Hinschauen.
 
Hilke Tureé, geboren in Ravensburg, ist Bild­hauerin, lebt und arbeitet in Baden-Baden. Nach dem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart hat sie für längere Zeit in Kairo, Florenz und New York gelebt, sowie intensiv den Westen der USA bereist. Von überall resultieren Erfahrungen und Eindrücke, die sie nach und nach in ihre Arbeit eingearbeitet hat. Ihr Werk ist voll von Kontrasten, die alle um ein großes Thema kreisen, der Mensch.
 
Jede ihrer Figuren erzählt vom Vergehen und Entstehen, dem ewigen Kreislauf wechselseitiger Bezogenheit, dem Kern des Daseins. Ab 1972 hatte die Künstlerin zahlreiche Ausstellungen in Galerien und Kultureinrichtungen im In- und Ausland, auf Kunstmessen, in Kirchen und Kunst­vereinen, zuletzt in der Städtischen Galerie Pforzheim, sowie zahlreiche Aufträge Kunst am Bau.
 
Die Künstlerin wurde 2015 mit dem Kunstpreis der Stadt Baden-Baden und der Gesellschaft der Freunde Junger Kunst ausgezeichnet.